Inselherbst auf Föhr - Cover
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ISBN/EAN: 978-3-690-90978-5
Format: EPUB
DRM: Nicht vorhanden
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Auflage:
1. Auflage 2026
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
1.58 MB
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Inselherbst auf Föhr

eBook - Ein Feel Good Nordsee Liebesroman, Neuausgabe / New edition, Neuausgabe / New edition

3,99 €
inkl. MwSt.

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Beschreibung

Zwischen Nordseewind und Apfelduft beginnt ein Neuanfang, der Herzen auf den Kopf stellt

Als Angie nach einer schmerzhaften Trennung alles verliert, bleibt ihr nur ein letzter Hoffnungsschimmer: die Hälfte einer heruntergewirtschafteten Pension auf Föhr, die ihr eine kaum bekannte Großtante vererbt hat. Doch statt eines Neuanfangs erwartet sie ein Berg voller Schulden – und Hendrik, der wortkarge Koch und Miterbe, der die Pension um jeden Preis erhalten will.

Während Angie verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, ihre Anteile zu verkaufen, kämpft Hendrik darum, den traditionsreichen Familienbetrieb vor dem Aus zu bewahren. Als ein unerwarteter Zwischenfall sie zwingt, Seite an Seite zu arbeiten, erkennen beide, dass zwischen stürmischen Herbsttagen, duftenden Apfelwiesen und dem bevorstehenden Inselfest weit mehr auf dem Spiel steht als nur ein gemeinsames Erbe.

Doch können zwei Menschen, die so unterschiedlich sind gemeinsam einen Neuanfang wagen?

Eine herzerwärmende Wholesome Romance über zweite Chancen, mutige Neuanfänge und die Frage, ob das größte Glück manchmal genau dort auf uns wartet, wo wir niemals gesucht hätten. Für alle, die Slow Burn Romance, Grumpy x Sunshine, cosy Nordsee-Flair und einen goldenen Herbst mit Apfelernte lieben.

Tropes

  • Grumpy x Sunshine
  • Forced Proximity
  • Neuanfang
  • Opposites attract
  • Küstensetting
  • Slow Burn

Erste Leser:innenstimmen „Ein wunderschöner Wohlfühlroman voller Nordsee-Charme, Herzklopfen und Neuanfänge.“ „Authentische Figuren, knisternde Slow Burn Romance und eine Atmosphäre zum Wegträumen.“ „Herbstliche Nordsee-Vibes, liebenswerte Charaktere und ganz viel Herz – diese Wholesome Romance hat einfach alles.“ „Zwischen Apfelernte, Meeresrauschen und Herzklopfen wartet ein echtes Wohlfühlhighlight.“

Leseprobe

Kapitel 1

Angie

Früher konnte ich mich definitiv leichter für banale Dinge entscheiden. Vielleicht stöberte ich manchmal etwas länger in den Speisekarten der Berliner Restaurants oder überlegte, ob ich mir das T-Shirt, das gerade im Angebot war, nicht direkt in zwei Farben holen sollte. Doch diese innere Leere, die sich während der letzten Monate schleichend in mir ausgebreitet hat, blockiert mich in den seltsamsten Situationen. Es sind Momente wie dieser, die mir schmerzlich bewusst machen, dass ich nicht mehr die Frau bin, die ich einmal war.

»Ich weiß, warum du seit zehn Minuten hier sitzt und auf das Schuhregal starrst. « Mit verschränkten Armen schiebt sich Meike in mein Blickfeld, das bis eben mit einem Verkaufsregal ausgefüllt war. Ich wende meine Aufmerksamkeit von den unzähligen Gummistiefeldesigns ab und schaue zu ihr auf. Ihr mitleidig-strenger Gesichtsausdruck mischt sich mit dem Lärm der Kunden und dem Geruch von Imprägnierspray. Ein erhabener Samstagmorgen und ich sitze auf einem Stuhl in einer der angesagtesten, aber dennoch bezahlbaren Schuhgeschäfte mitten in Berlin. Ein wenig fühle ich mich an die zeitaufwendigen Shoppingtouren mit meiner Mutter während der für meine Generation typischen Teenie-Emo-Phase erinnert.

»Ach ja?«, erwidere ich und mustere erneut alle Modelle, die in meiner Größe überhaupt verfügbar sind.

»Dieser Riesenarsch von einem Exfreund hat dir die gesamte Lebensenergie ausgesaugt. Wie ein Vampir! Und zwar nicht so, wie ein heißer Vampir aus Twilight, sondern wie einer von der traditionellen Sorte. Seit Wochen bist du permanent damit beschäftigt, den Kopf irgendwie über Wasser zu halten, während der Flutpegel immer weiter steigt. Aber das hört hier und heute auf, okay? Es wäre überhaupt kein Problem gewesen, wenn du vorübergehend bei mir wohntest. Du wolltest es bloß nicht. Ich weiß, dass du kaltes, nasses Wetter verabscheust. Und dann ist da noch diese massive Unsicherheit. Doch du ziehst das jetzt durch!« Zur Untermalung ihrer flammenden Rede macht Meike ein paar Bewegungen mit den Händen, die ihre kinnlangen dunklen Locken zum Schwingen bringen.

Ich wollte das wenige Geld, das ich aktuell noch zur Verfügung habe, für ein passendes Outfit ausgeben und dabei einen letzten Shoppingnachmittag mit meiner Freundin verbringen, ehe ich übermorgen aus Berlin wegziehe. Doch stattdessen kochen Angst, Selbstzweifel und das Gefühl, versagt zu haben wieder in mir hoch. Es ist unmöglich, mich selbst zu belügen. Niemals im Leben wäre ich freiwillig auf eine Nordseeinsel gezogen. Doch es gibt keine Alternative, wenn ich nächste Woche noch ein sicheres Dach über dem Kopf haben möchte, ohne irgendjemandem dauerhaft zur Last zu fallen.

Ich atme tief durch, fahre mir matt mit den Fingern durchs Haar und schließe für einen Moment die Augen.

»Weißt du eigentlich, wie es sich anfühlt, nichts mehr zu haben?«

»Du hast nicht nichts«, kontert Meike und hockt sich so vor mich, dass sie mit mir auf Augenhöhe ist. »Du hast zwei große Koffer mit den wichtigsten Sachen gepackt. Du hast ein Zugticket. Dir gehört die Hälfte eines laut Google Maps gigantischen Grundstücks mit Pension und Restaurant auf einer angesagten Urlaubsinsel.« Aufmunternd legt sie mir eine Hand aufs Knie. »Außerdem gibt es Dinge, die er dir niemals nehmen kann: Familie und Freunde, die dich lieben.«

Langsam richte ich mich auf und klopfe mir innerlich dafür auf die Schulter, nicht schon wieder in aller Öffentlichkeit in Tränen ausgebrochen zu sein. Seit ich denken kann, gehöre ich zu den Menschen, die immer das Beste aus einer Situation machen. Egal wie abwegig das manchmal klingt. Doch das, was mir dieses Jahr widerfahren ist, würde wohl auch die überzeugteste Optimistin der Welt zum Zweifeln bringen. Ich habe so viel verloren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich irgendwann mit etwas Glück und harter Arbeit wieder nach oben kämpfen werde, ist vielleicht vorhanden. Trotzdem fällt es mir schwer, auch die letzte Gehirnzelle meines Kopfes davon zu überzeugen, dass es ein Happy End für mich geben könnte. Perspektivlosigkeit ist etwas – das habe ich mittlerweile gemerkt – das sich genau durch eine Sache auszeichnet: Es fehlt eine Vision, wie das künftige Leben sich abspielen könnte.

»Du bist ein guter Mensch«, ergänzt Meike und nimmt meine Hand. »Das wird Mathis nie sein, da er ein egozentrischer, manipulativer Vollarsch ist. Du dagegen kannst verdammt stolz sein. Und jetzt schnappst du dir ein paar hübsche Gummistiefel und rockst die Insel!«

Mit zusammengepressten Lippen nicke ich. Fehlende Vision hin oder her, ich muss diesen Plan jetzt knallhart durchziehen. Es wird nicht einfach, von einer Metropole nach Föhr zu ziehen, wo ich absolut niemanden außer Oma Lotte kenne. Vermutlich wäre es klüger gewesen, einen Brief zu schreiben oder anzurufen. Nur leider wird mich eine schriftliche Antwort nicht mehr erreichen, wenn ich in Kürze aus der Wohnung fliege, in der ich gleich wieder auf gepackten Koffern sitze. Eine E-Mail wurde von einem Abwesenheitsassistenten beantwortet:

Aufgrund einer schwerwiegenden Erkrankung bin ich derzeit nicht in der Lage, Ihr Anliegen zu bearbeiten. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte unter der oben angegebenen Telefonnummer an meine Assistentin Sinja Breuer.

Handelt es sich bei meiner drohenden Obdachlosigkeit um einen dringenden Fall? Für mich wohl eher als für die Pension. Ein Detail, das ich fremden Menschen, die streng genommen gerade für mich arbeiten, nicht unbedingt fernmündlich erläutern möchte.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob ich in diesem Gebäude ein Zimmer zum Übernachten blockieren kann. Aber hey, ich habe schon so viele Hürden überwunden. Vielleicht habe ich ja auch zum ersten Mal Glück und finde ganz schnell einen Käufer für meine Anteile.

Langsam stehe ich von der Bank im Schuhladen auf und greife nach einem Paar Gummistiefel, auf denen sich Sonnenblumen und Bienen befinden. Diese Art von Schuh war nie mein Fall. Schon als Kind schwitzte ich ihn ihnen nur und lief mir regelmäßig dicke Blasen. Doch die hier sehen wenigstens hübsch aus.

Drei Läden und zwei volle Einkaufstüten später sitzen wir auf einer Parkbank im Tiergarten. Die warmen Sonnenstrahlen eines Altweibersommers landen auf meinen nackten Beinen, während ich das letzte Bisschen der Eiswaffel in den Mund schiebe. Der Lärm der Großstadt wird hier nur etwas vom Vogelgezwitscher übertönt. Meike hält gerade einen langen Monolog über ihren Frust bezüglich eines ehemaligen Agenten. Für mich klingt es nach zu Hause.

»… und ich sag‘ dir, Angie … wenn du irgendwann mal Content Creatorin wirst, mach‘ einen großen Bogen um Phillipp Kantz! Ich hätte eine eigene Produktlinie an Outdoor Bekleidung haben können. Aber nein, er war nur daran interessiert, möglichst schnell die Kohle reinzukriegen. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass ich es nicht mehr lange mit ihm aushalten und kündigen würde. Der Typ ist der reinste Blender.«

Probleme einer Hiking- und Reiseinfluencerin, von denen ich gerade Lichtjahre entfernt bin. Aber ich höre mir immer gern an, was sie so macht, wohin es sie demnächst verschlagen wird und was für schräge Kommentare sie unter ihren Vlogs manchmal findet.

»Reisen ist schön«, sage ich irgendwann. »Zumindest wenn man es freiwillig macht.«

»Ach komm, Liebes. Ich werde dich so schnell wie möglich dort besuchen. Aber was ich mich schon die ganze Zeit umtreibt … Warum hat deine Großtante eigentlich ausgerechnet dir ihre Pension vererbt?«, fragt Meike schließlich.

Ehrlich gesagt hatte ich wesentlich früher mit dieser Frage gerechnet.

»Keine Ahnung. Das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, war auf der Beerdigung meines Opas.«

»Hat sie denn keine eigene Familie mehr?«

»Nein«, antworte ich und ziehe die Ärmel des Kleides ein wenig herunter, sodass die Schultern auch noch etwas Sonne abbekommen. »Kinder hatte sie nicht. Meine Oma ist ihre einzige Schwester und Mama Einzelkind. Dieser Zweig der Familie ist sehr klein. Papa dagegen hat sechs Geschwister.«

»Und dieser Miterbe, der im Testament steht?« Meike schiebt die Sonnenbrille auf die Nasenspitze etwas herab und sieht mich mit neugierigen Augen an.

Langsam schüttele ich den Kopf. »Keine Ahnung. Ich kenne nur seinen Namen, den Wohnort und sein Geburtsdatum.«

»Und?«

Ich seufze, da ich weiß, was jetzt kommt. »Er heißt Hendrik Olsen. Als Wohnort wurde die gleiche Adresse wie die Pension angegeben. Keine Ahnung, ob das stimmen kann. Er ist mein Baujahr.«

»Ui!« Ein kurzer Blick zur Seite verrät mir, dass sich vor Meikes innerem Auge bereits eine Nordseeromanze abspielt.

»Vergiss es!« Lachend stupse ich sie an. »Für den Rest dieses Jahres habe ich vom anderen Geschlecht die Nase voll. Ich mache ihm höchstens schöne Augen, damit er mir meine Anteile abkauft.«

»Und was ist, wenn er total gut aussieht?« Meike zieht ihr iPhone aus dem selbstgehäkelten Shopper. Ich bin mir sicher, dass sie ihn jetzt erst mal googelt.

»Dann wohnt er immer noch auf einer Insel. Und da er in dem Restaurant, das ihm nun zur Hälfte gehört, Koch ist – ja, so viel habe ich schon herausgefunden – wird er bestimmt nicht anstreben, nach Berlin zu ziehen.«

»Der Finkenwerder Herbstprinz wird traditionell bereits seit Jahrhunderten in Küstennähe angebaut, was ihm seinen unverwechselbaren herb-süßlichen Geschmack verleiht. Hier auf Föhr findet diese seltene Apfelsorte nahezu perfekte Bedingungen.«

Wow, dieser Hendrik quatscht in Interviews ganz schön viel über Äpfel. Nur ein Foto von ihm haben sie in diesem Online-Magazin vergessen.

Das ist auch alles, was ich an Informationen zu dem Mann, mit dem ich mir das Erbe meiner Großtante teile, gefunden habe. Ein Koch mit Vorliebe für Fallobst, der das Restaurant Leuchtfeuer leitet, das sich im Erdgeschoss der gleichnamigen Pension befindet. Kein Social Media, kein Gruppenfoto auf der nicht existenten Homepage.

»Ist er denn irgendwie mit euch verwandt?«

»Nein«, antworte ich und beobachte die Sonne dabei, wie sie allmählich hinter den Baumkronen des Stadtparks verschwindet. »Meine Mutter sagte, das sei ausgeschlossen. Ich habe auch Oma angerufen, doch sie meinte bloß, ich zitiere: Ich solle gefälligst herkommen und es selbst herausfinden.«

Meike prustet kurz erstaunt auf. »Na, die ist ja sehr direkt.«

»Oh ja, das ist sie. Ich bin schon gespannt, ob sie dieses Mal denkt, ich hätte ordentlich zu- oder krankhaft abgenommen.« Ein leises Lachen begleitet meine mit einem Augenzwinkern untermalte Aussage. Sie ist einfach ein norddeutsches Original.

»Früher, als ich mit Ironie noch nichts anfangen konnte, fragte ich mich immer, wie Opa es mit ihr aushält. Er war der reinste Strahlemann.«

»Tja, wie sagt man so schön? Gegensätze ziehen sich an. Aber wieso vererbt deine Großtante diesem Hendrik dann den halben Laden? Ein Erbschleicher?«

Ich schiebe die Sonnenbrille ein Stück nach unten und schaue sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Genau das war auch mein erster Gedanke. Doch mittlerweile hatte ich Einsicht in den Grundbuchauszug und die letzte Bilanz des Unternehmens.« Ich schüttele den Kopf. »Sieht nicht gut aus. Das ganze Grundstück ist mit Hypotheken belegt. Privat besaß sie kaum etwas. Wenn er nur aufs Erbe aus wäre, dann hätte er sich ziemlich verzockt.«

Meike presst die Lippen aufeinander und schaut schweigend zu Boden. Ich glaube, jetzt hat sie endgültig realisiert, dass dieses Testament nicht der Jackpot ist, für den sie es zunächst hielt.

Ich kannte Großtante Emmy nicht sonderlich gut. Daher kann ich nur darüber spekulieren, warum sie ausgerechnet den Koch ihres Restaurants und eine kaum bekannte entfernte Verwandte zu ihren Gesamtrechtsnachfolgern machte. Vermutlich hing sie zu sehr an ihrem Lebenswerk, um zu riskieren, dass irgendjemand das Erbe ausschlägt. Was eignet sich da besser, als die auf ganzer Linie gescheiterte Großnichte ohne nennenswertes Vermögen und Perspektive auf die Insel zu locken?

Von der Hotelbranche habe ich wenig bis gar keine Ahnung. Mit meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin kann ich dort nicht viel anfangen. Doch ich denke, dass ich ein gutes Händchen für Ästhetik habe, das Großtante Emmy leider nicht vergönnt war, wenn ich mir die Bilder ihrer Pensionszimmer auf diversen unbekannten Buchungsportalen so anschaue. Außerdem wäre da noch der liebe Mensch, der aktuell neben mir sitzt und verzweifelt auf allen Social Media Plattformen nach Informationen zu Hendrik Olsen sucht. Mit einer erfolgreichen Reise-Influencerin befreundet zu sein, die in etlichen Unterkünften gegen Werbung für lau übernachten darf, könnte von Vorteil sein. Vielleicht ergeben sich da noch ungeahnte Möglichkeiten …

Kapitel 2

Angie

»Oh, da macht aber jemand lange Urlaub.« Mit einem breiten Lächeln nimmt der grauhaarige Mann mit leichtem Dialekt – vermutlich Rheinländer – den riesigen Koffer an, den ich ihm durch die Tür des Zuges anreiche.

»Ähm ja … Moment. Ich habe noch einen.«

»Noch einen?«, ruft er lachend aus, während ich Nummer zwei aus dem Gepäckregal des Abteils hieve. »Und ich dachte immer, meine Frau packt zu viel unnötiges Zeug ein.«

Innerlich verdrehe ich die Augen. Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, ihm mitzuteilen, dass das hier alles ist, was ich aktuell an Hausstand besitze. Doch mir ist gerade nicht nach Seelenstriptease und Nachfragen, deren Antworten zu immer weiteren führen könnten. Daher entscheide ich mich für ein aufgesetztes Lächeln.

»Ja, ich bleibe länger auf der Insel.«

Immerhin ist er sehr hilfsbereit und nimmt mir den schweren Koffer ab, während wir gemeinsam zur Fähre gehen.

Es ist schon eine andere Welt, hier oben im Norden. Obwohl nur ein paar Wolken am Himmel zu sehen sind, sorgt der Wind dafür, dass mir in meinem Hoodie sehr schnell kalt wird. Eine Winterjacke besitze ich nicht mehr. Nur diesen quietschgelben Friesennerz, den ich mir noch in Berlin gekauft habe. Als wir am Ableger stehen und darauf warten, die Fähre betreten zu dürfen, ziehe ich ihn bibbernd an und schließe sämtliche Knöpfe.

Etwa vierzig Minuten dauert es, das Festland und mein altes Leben hinter mir zu lassen. Natürlich ist es nicht das erste Mal, das ich auf Föhr bin. Ab und an, oder besser gesagt viel zu selten, statte ich Oma mal einen Besuch ab. Nur habe ich bisher immer penibel darauf geachtet, dies im Sommer zu tun. Tja, das Timing ist nicht optimal. Doch immerhin erhöht es meine Chancen, mich in einem der Pensionszimmer einzuquartieren. Zumindest hoffe ich das. Zur Hauptsaison wäre das sicher kaum möglich.

Für die idyllische Landschaft habe ich kein Auge, während ich mich mit den zwei riesigen Gepäckstücken von der Fähre zum Bus kämpfe. Gelegentlich ernte ich verwirrte Blicke von Einheimischen und Urlaubern. Doch irgendwann habe ich es geschafft. Völlig erschöpft lehne ich mit dem Hinterkopf am Busfenster und blockiere mit meinen riesigen Koffern den Gang. Ich schließe die Augen und nehme jede Kurve, jede Beschleunigung wahr.

Nächster Halt: Süderkooger Dünen.

Um Himmels willen, beinahe wäre ich eingeschlafen. Glück gehabt! Gerade noch rechtzeitig drücke ich den Halteknopf und schleife wenig später die Koffer aus dem Bus. Der Fahrer fährt weiter und ich bleibe allein am Straßenrand zurück.

Natürlich wusste ich, dass die Pension etwas abgelegen direkt hinter den Dünen steht. Doch die Dimensionen werden mir nun erst bewusst, als ich sie in der Ferne zum allerersten Mal live sehe. Jetzt weiß ich auch, warum ich als Kind immer mit dem Auto dort hingefahren wurde. Der Schotterweg, der von der Straße aus zum Gebäude führt, sah bei Google Maps wesentlich kürzer aus. Doch was das Nordseepanorama, das ich mir im Kopf zusammengesponnen habe, nachhaltig verzerrt, sind die riesigen Wiesen, auf denen Apfelbäume stehen. Waren die bei meinem letzten Besuch vor gefühlt hundert Jahren auch schon hier? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Was mich am frühen Nachmittag nicht wundern sollte …

Seufzend blicke ich auf meine beiden Koffer, deren Rollen eher für Flughäfen statt für Offroad Gelände konzipiert wurden.

»Na, dann wollen wir mal …«

Es vergehen ein paar Minuten, in denen ich mich dafür verfluche, mir kein Taxi gerufen zu haben. Jeder Meter, den ich zurücklege, ist Schwerstarbeit. Doch auf einmal höre ich, wie ein Auto nicht wie gewöhnlich die Straße entlangfährt, sondern in meine Richtung auf den Schotterweg abbiegt. Intuitiv drehe ich mich um. Was? Ich habe erst etwa zehn Meter geschafft?

Die weiße Mercedes V-Klasse hält direkt neben mir und das Seitenfenster fährt herunter.

»Moin.«

Eine junge Frau mit langen blonden Haaren, die zu einem Bauernzopf geflochten sind, betrachtet erst mich, dann mein umfangreiches Gepäck. Der Anblick scheint sie komplett zu verwirren.

»Das ist ja ‘ne Menge Zeug für einen Kurzurlaub. Kann ich dir vielleicht helfen?«

Dem friesischen Dialekt nach zu urteilen, handelt es sich hier um eine Einheimische. Sehr gut. Etwas desorientiert streife ich mir die losen Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf gelöst haben und im Wind herumtanzen, hinter die Ohren. »Ähm ja … ich suche einen Hendrik Olsen. Bin ich hier richtig?«

Einen Moment lang scheint sie nachzudenken. »Ja, da bist du so was von richtig. Aber …« Da werden ihre Augen auf einmal groß. »Warte! Bist du etwa die mysteriöse Miterbin? Angelina Tesch?«

Gut, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Obwohl … warum eigentlich nicht? Vielleicht hat dieser Hendrik genauso nach mir gesucht wie ich nach ihm. Bestimmt nicht, sonst hätte er mich u...

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